Du hast Dich also mit dem Gedanken beschäftigt, Jura zu studieren – und plötzlich stehst Du vor einer Entscheidung, die Dir vorher niemand so richtig erklärt hat: Willst Du klassisch mit Staatsexamen studieren? Oder lieber einen Bachelor of Laws (LL.B.) machen?

Klingt erstmal wie ein simpler Titelunterschied. Aber dahinter steckt mehr als ein Etikett. Denn wie Du Dich entscheidest, beeinflusst nicht nur Dein Studium – sondern auch, was Du später damit anfangen kannst.

In diesem Kapitel lichten wir den Nebel: Was genau ist das Staatsexamen? Was kann der Bachelor of Laws? Und worauf solltest Du achten, bevor Du Dich festlegst?

Zwei Systeme, zwei Philosophien

Das klassische Jurastudium mit dem Staatsexamen ist seit Jahrhunderten der Weg in die klassischen juristischen Berufe: Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Notar. Es ist ein geschlossenes System, bestehend aus dem ersten und zweiten Staatsexamen, das bundesweit einheitlich geregelt ist.

Der Bachelor of Laws (LL.B.) ist dagegen ein universitärer Abschluss, den es vor allem an Fachhochschulen und vereinzelt an Universitäten gibt. Er folgt der Logik des Bologna-Systems – also wie bei BWL oder Psychologie – mit Credits, Modulen und Noten auf der 1,0–5,0-Skala. Klingt moderner? Ist es auch. Aber nicht unbedingt besser – zumindest nicht, wenn Du später klassisch-juristisch arbeiten willst. Denn: Ohne Staatsexamen kein Zugang zu den klassischen juristischen Berufen.

Was kann man mit dem Bachelor of Laws anfangen?

Ein LL.B. ist in erster Linie kein volljuristischer Abschluss. Das heißt: Du darfst damit nicht vor Gericht auftreten, keine Mandanten beraten und wirst auch nicht Richter.

Aber: Du kannst sehr wohl in der Wirtschaft, Verwaltung oder im Compliance-Bereich arbeiten. Auch viele Versicherungen, Banken und große Unternehmen stellen gezielt LL.B.-Absolventen ein – zum Beispiel für Vertragsmanagement, Datenschutz oder interne Rechtsfragen.

Außerdem kann der LL.B. ein Sprungbrett sein: Wer danach ein Master-Studium dranhängt oder sich spezialisieren will, hat viele Möglichkeiten – auch international. Und an manchen Hochschulen kannst Du nach dem LL.B. noch das Staatsexamen draufsatteln – das dauert aber wieder mehrere Jahre.

Was erwartet Dich im klassischen Jura-Studium?

Das Jura-Studium mit Staatsexamen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Du lernst fünf Jahre lang im Grunde für eine einzige Prüfung – das erste Staatsexamen.

Keine Noten auf dem Weg, kein Bachelorzeugnis, keine automatische Rückmeldung über Deinen Wissensstand. Stattdessen: viel Eigenverantwortung, viele Fälle, viel Struktur – und die Aussicht auf eine Karriere mit Vollbefugnissen im Rechtssystem.

Aber: Dieses System ist auch hart und gnadenlos. Die Notenskala reicht von 0 bis 18 Punkten, wobei vier Punkte das Minimum zum Bestehen sind – und neun Punkte schon als „Prädikat“ gelten. Das schafft nur etwa jeder fünfte.

Heißt: Du kannst fünf Jahre lang klug, fleißig und engagiert sein – und am Ende mit mittelmäßigen Noten dastehen, die Dich von vielen Traumjobs ausschließen. Und trotzdem ist es für viele der lohnendste Weg, wenn man sich dafür entscheidet.

Bachelor: Weniger Risiko – aber auch weniger Möglichkeiten?

Der LL.B. bietet eine gewisse Sicherheit: Du bekommst regelmäßige Leistungsnachweise, sammelst ECTS-Punkte, und nach sechs Semestern hast Du einen Abschluss in der Tasche.

Du bist dann „Wirtschaftsjurist“, „Legal Manager“ oder „Compliance Officer“. Das ist keine Mogelpackung – sondern ein Berufsfeld mit echten Chancen, vor allem in Unternehmen und Behörden. Und: Wenn Dir das reicht, kann der Bachelor der schnellere, geradere und nervenschonendere Weg sein.

Aber: Wenn Du später anwaltlich tätig sein, ein Staatsexamen dranhängen oder promovieren willst, brauchst Du entweder den vollen Staatsexamensweg – oder musst die fehlenden Prüfungen mühsam nachholen.

Und wie sieht’s mit dem Einkommen aus?

Klar, Geld ist nicht alles – aber es spielt eine Rolle. Mit dem klassischen Staatsexamen (und vor allem mit dem zweiten) hast Du bessere Einstiegsmöglichkeiten – sei es als Jurist im öffentlichen Dienst, als Anwalt oder als Justiziar in Unternehmen.

LL.B.-Absolventen verdienen in der Regel weniger, vor allem zu Beginn – steigen aber in vielen Bereichen trotzdem solide ein. Wenn Du Dich gut spezialisierst, in einem gefragten Feld arbeitest (etwa IT-Recht, Datenschutz oder Compliance), kannst Du auch als Bachelor-Jurist gut verdienen.

Entscheidend ist am Ende nicht nur der Abschluss – sondern auch, was Du daraus machst.

Also: Was ist „besser“?

Die berühmte Juristenantwort: Es kommt darauf an.

Willst Du in klassische juristische Berufe? Dann führt kein Weg am Staatsexamen vorbei. Willst Du schnell ins Berufsleben, in der Wirtschaft arbeiten und trotzdem juristische Kompetenzen mitbringen? Dann kann der LL.B. sinnvoll sein.

Bist Du noch unsicher? Dann schau Dir beide Studiengänge konkret an. Sprich mit Studierenden, lies Studienverlaufspläne, hör in Vorlesungen rein.

Es gibt nicht den einen richtigen Weg – aber es gibt den richtigen für Dich. Und den findest Du nicht durch Broschüren, sondern durch ehrliche Auseinandersetzung mit Deinen Zielen.

Fazit: Zwei Wege, ein Ziel – Dein juristischer Kompass

Staatsexamen oder Bachelor – das ist keine Frage von „richtig“ oder „falsch“. Sondern von dem, was Du willst, brauchst und leisten kannst.

Das Staatsexamen ist intensiver, unsicherer, aber auch weitreichender. Der Bachelor ist kürzer, strukturierter, aber auch klar begrenzter.

Bevor Du Dich entscheidest, frag Dich: Was ist Dir wichtig? Verantwortung? Sicherheit? Flexibilität? Prestige?

Denn egal, welchen Weg Du gehst – Jura bleibt Jura: ein faszinierendes Denkgebäude, das Struktur, Klarheit und Sprache liebt. Und das Dir Möglichkeiten eröffnet, von denen Du vielleicht heute noch gar nichts weißt.

Also: Augen auf bei der Studienwahl – aber keine Angst vor Entscheidungen. Du hast mehr Gestaltungsspielraum, als Du denkst.